Warum man im Internet ein anderer Mensch ist

Vielleicht kennen einige von euch dieses Gefühl, wenn man auf einem Bild immer mehr und mehr "Likes" bekommt und man merkt, wie der Selbstwert steigt. Oder: wie der Selbstwert sinkt, wenn man nicht ausreichend Bestätigung von außen bekommt.

Dieses Prinzip ist schrecklich und doch hält es so viele von uns in seinem Bann gefangen.

 

Ich bin nicht erst seit kurzem Teil dieser Matrix, die sich "Social Media" nennt. Seit ich elf Jahre alt war, bin ich ständig in irgendeinem Online-Netzwerk tätig gewesen; eine verlorene Seele auf der ewigen Suche nach Anerkennung. Bis vor einem Jahr, als ich mich all dem entzogen habe. Ich konnte dem Druck, stets perfekt sein zu müssen, nicht länger standhalten.

Die Mitgliedschaft im Internet bringt oft Veränderungen in einem Menschen hervor, vor allem bei Jugendlichen kann diese Scheinwelt bei der Persönlichkeitsentwicklung Schaden anrichten, den man nicht unterschätzen darf. 

 

Auf die Frage, was davon Wahrheit und was Lüge ist, will ich mich nicht beziehen - immerhin lebt jeder Mensch seine eigene Wahrheit. Ich möchte auch nicht auf irgendwelche -mehr oder weniger seriösen- wissenschaftlichen Studien eingehen. Ich will schlichtweg über die emotionalen Veränderungen schreiben, die mit dem „Dabei sein“ eines sozialen Netzwerks einhergehen und wie man damit umgehen kann.

 

Ich weiß wie es ist, wenn man nach Bestätigung von außen sucht, wenn man sich nach Likes, Hypes und was weiß ich noch verzehrt und sie sammelt als stünde sein Leben auf dem Spiel. Nun, indirekt tut es das ja auch. Das Problem mit der Anerkennung ist nur, dass man nie genug bekommt.

Wenn man 100 „gefällt mir“ erreicht hat, reichen nach einer Zeit diese 100 nicht mehr aus und es müssen mehr werden, da man sich ansonsten nicht mehr beliebt genug fühlt. Es ist wie mit Drogen, wenn die Wirkung nachlässt, braucht man mehr um die innerliche Leere zu füllen. 

 

Außerdem kommt es auch hier zu Konkurrenzkämpfen unter den Nutzern: Wer hat mehr Follower, Likes, Kommentare, whatever? Es ist ein Teufelskreis in dem sich zu viele Geschöpfe bewegen, doch das Schlimmste daran ist, zu glauben, dass das Gesehene die Realität ist, obwohl wir uns in einer Scheinwelt befinden.

 

Die Meisten von uns kennen das Phänomen, wenn man die Bilder einer Person im Internet betrachtet und wenn einem genau dieselbe Person in der Realität über den Weg läuft und man sich denkt: Wtf? Ich glaube, dass viele Menschen sich sehr wohl über den bloßen Schein der Internet-Welt bewusst sind - genau deswegen gibt es so viele Anhänger!

 

Menschen, die ihr bisheriges Leben lang nie Anerkennung bekommen haben oder vielleicht sogar wegen ihres Aussehens verurteilt worden sind, haben im Internet die Möglichkeit, den Spieß umzudrehen. Mit etwas Schminke im Gesicht und Photoshop kann man endlich zu der Schönheit werden wie alle Welt sie sehen will.

Das Problem dabei ist in meinen Augen aber gerade die Verfälschung der eigenen Identität und die fehlende Individualität. Die persönlichen Merkmale, die einen einzigartig machen und auszeichnen. Die Tatsache, dass wenn jeder Mensch dem Schönheitsideal entsprechen will, alle irgendwann gleich aussehen.

Dieser Bann hat in der Tat seinen Reiz. Immerhin wird man endlich akzeptiert, man wird geliebt. Wertgeschätzt. Oder nicht?

Negativ. Nichts davon trifft zu, zumindest nicht so, wie man es vermutlich braucht. Die gespielte Momentaufnahme – das BILD – wird wertgeschätzt und gehyped, aber nicht du selbst als Person, oder besser gesagt: als menschliches Wesen.

 

In den meisten Fällen ist es eben so, dass die Personen hinter den Bildschirmen -wenn auch nicht alle- ein Bild nicht deswegen liken, weil sie den Charakter des darin vorkommenden Menschen so schätzen, sondern einfach nur wegen der Verzerrung des eigenen Erscheinungsbildes. Mehr nicht. Es gibt auch welche, die alle möglichen Bilder wie verrückt mit einem „Gefällt mir“ versehen, nur damit sie eines zurückbekommen und Aufmerksamkeit erregen können, was ohnehin idiotisch ist.

Ich muss jedoch an diesem Punkt erwähnen, dass nicht alle Menschen im Internet selbstsüchtige oder böse Absichten haben. Es gibt nette und aufrichtige Leute, die sich ihren Geist nicht von all den Idealen und Illusionen verderben haben lassen und das sollte man immer berücksichtigen, bevor man wieder mal den Teufel an die Wand malen will. 

 

Mir wurde vor einem Jahr WIRKLICH bewusst, dass ich das Gefühl von wahrer Wertschätzung und Anerkennung nicht von Fremden im Internet erhalten kann. Ich habe sehr lange in dem Irrglauben gelebt, dass man all das nur von außen bekommen kann, sodass es als solches zählt. Egal ob vom eigenen Chef, ob von den Eltern, vom Partner, wem oder was auch immer. Wenn man von anderen wertgeschätzt und geliebt wird, wird man tatsächlich wertgeschätzt und geliebt. Sonst nicht.

 

Ganz so stimmt das eben nicht und genau das können zu viele von uns nicht erkennen. Natürlich ist es schön und auch enorm wichtig, von anderen gelobt zu werden, versteht mich nicht falsch. Wenn aber das eigene Selbstbewusstsein nur von anderen abhängig ist, kann man die innere Leere auch nicht mit noch so vielen Komplimenten füllen.

Wir versuchen stets unsere Sehnsüchte im Außen zu stillen, allerdings wird man dort nie zu wahrer Erfüllung gelangen und das spüren wir, weil immer etwas fehlt. Wir versuchen diesen Verlust mit materiellen Dingen zu kompensieren, was uns aber im Endeffekt wieder das Gefühl von Leere gibt, da wir am falschen Ort nach Antworten suchen. 

 

Die Antworten liegen in uns selbst. 

 

Niemand anderes als man selbst, kann einem das Gefühl von wahrer Anerkennung, Wertschätzung, Liebe und Akzeptanz geben. 

Der Punkt ist: Solange man diese Dinge nicht für sich selbst empfinden kann, kann es auch niemand anderes. Man selbst muss sich für genau den Menschen lieben, der man ist.

Und was passiert dann? Etwas, was man sich zuvor nie hätte träumen lassen können: Man braucht die Bestätigung von außen gar nicht mehr. 

 

Es ist einfach komplett egal, ob dich die Leute mögen, ob sie dich schön finden, ob sie dich bewundern oder nicht, denn der wichtigste Mensch in deinem Leben und auch der einzige, bei dem dies überhaupt Bedeutung hat, tut all diese Dinge bereits: Du selbst.

 

Ich habe lange überlegt ob ich diesen Artikel veröffentlichen soll. Immerhin ist es ja ein Widerspruch, einerseits gegen das Social Media zu plädieren und andererseits einen Online-Blog zu führen.

 

Der Grund, warum ich mich dazu entschieden habe ist der, dass ich mittlerweile diese ganze Situation von einem anderen Blickwinkel aus betrachten kann. Eine Perspektive, die das „Dabei sein“ zu einer wahrlich nützlichen Angelegenheit macht, die einem ganz und gar nicht das Leben erschwert.

 

Ich nutze soziale Netzwerke heute aus einem komplett anderen Grund wie damals. Ich will Menschen erreichen und sie mit meiner Arbeit inspirieren, so wie ich tagtäglich inspiriert werde.

Ich versuche nicht länger mich im Internet zu verstellen und mit der Masse zu schwimmen, nur um gemocht zu werden. Schon gar nicht versuche ich im Internet für meine Persönlichkeit geliebt zu werden.

 

Stattdessen weiß ich jetzt nach meiner Social-Media-Pause, dass es nicht weiter schlimm ist, gesehen werden zu wollen. Im Gegenteil, vielen Unternehmen verschafft diese Art von Aufmerksamkeit einen enormen Vorteil.

 

Es ist also völlig in Ordnung nicht für seine Persönlichkeit hochgelobt zu werden, aber darum geht es ja auch gar nicht! In meinem Fall, bringe ich meine Gedanken mit meinen Designs zum Ausdruck.

 

Klar äußere ich damit meine Persönlichkeit, immerhin ist was ich erschaffe genau daraus entstanden. Ich zeige euch in der Rohfassung wer ich bin und wie ich bin, aber eben nur einen Teil davon.

 

Ich freue mich natürlich irrsinnig darauf auf Gleichgesinnte zu treffen und mich mit ihnen über gemeinsame Interessen auszutauschen, deswegen bin ich ja hier, um ein Netzwerk aufzubauen.

 

Aber nichtsdestotrotz kennen mich die Menschen nur so weit, wie ich es zulasse und mich im Internet gebe. Nicht mehr und nicht weniger.

Jeder Mensch ist in der Realität anders als online und das ist gut so. Jeder Mensch entscheidet für sich selbst wer er sein möchte. Alles was ich tun kann und was ich letztendlich an euch weitergeben kann: Nehmt nicht alles, was ihr im Internet seht, so ernst und schon gar nicht persönlich. Diese Menschen kennen euch nicht und ihr kennt sie nicht, egal wie viel intime Details sie von ihrem Leben posten. 

 

Und wenn ihr mal die Aufmerksamkeit auf euch richten wollt, so what? Solange ihr euch nicht davon abhängig machen lässt, was soll denn schon so schlimm daran sein? Macht es nur nicht aus den für euch falschen Gründen und schon gar nicht, weil es jeder macht und ihr euch deswegen gezwungen fühlt mitzuziehen.

Wenn man irgendwann das Gefühl hat, dass einem all das zu viel wird und man eine Pause einlegen möchte, ist es nicht weiter schlimm, sondern sehr wertvoll für einen selbst. Man muss nicht "Dabei sein". Das eigene Wohlergehen sollte über allem gestellt sein, also macht was euch guttut. Lasst euch von niemandem von eurem Weg abbringen und lasst euch schon gar nicht von jemandem etwas einreden, wovon er keine Ahnung hat. Niemand hat das Recht über euch zu urteilen, außer ihr selbst. Also merkt euch:

 

Es ist o.k. im Internet ein anderer Mensch zu sein. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Milex (Freitag, 19 Mai 2017 21:32)